Einzigartiger Trinkpokal aus dem Mittelalter aufgetaucht
Seltene Schmiedearbeit galt 200 Jahre lang als verschollen
„Für die Erfurter Stadtgeschichte ist der Rebstockpokal ein wahrer Schatz. Wieder ist ein Puzzleteil mehr für die einzigartige Geschichte der Mittelaltermetropole bekannt“, erklärt Historiker Dr. Martin Sladeczek. Auch Hardy Eidam, Oberkurator des Erfurter Stadtmuseums, freut sich: „Die Auffindung und Ausstellung dieses wertvollen historischen Objekts sind ein großes Glück. Wir sind stolz, es in unserer hauseigenen ‚Schatzkammer‘ zum Erfurter Mittelalter zeigen zu können.“
Zum geschichtlichen Hintergrund
Was ist der Rebstockpokal?
Der auf den ersten Blick ungestalt wirkende Pokal aus dem 15. Jahrhundert erzählt von Pilgern, Goldschmieden und reichen Patriziern: Otto Ziegler (1421 – 1481) bereiste 18 Königreiche von Schottland und Schweden bis Portugal und Armenien. Dabei wurde er von Kaiser Friedrich III. zum Ritter geschlagen.
Von seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem 1447 brachte Otto Ziegler eine angeblich alttestamentarische Rebenwurzel mit und legte eine Hälfte davon ins Fundament seines neuen Hauses „Zum Rebstock“ (noch vorhanden, Futterstraße 2). Die zweite Hälfte ließ er von einem Goldschmied zu dem Trinkpokal umarbeiten. Dieser wurde in der Familie bei festlichen Anlässen und für Gäste genutzt.
Von der über 500-jährigen Benutzung zeugt die dunkle Patina und die stark abgegriffene Oberfläche. Der Rebstockpokal war bis ins 18. Jahrhundert über Erfurt hinaus berühmt. Seit über 200 Jahren galt er jedoch als verschollen. 2025 wurde das kunsthistorisch wertvolle Artefakt in Privatbesitz aufgefunden und nun als temporäre Leihgabe dem Museum überreicht.
Der Pokal misst etwa 26 mal 30 cm und wiegt circa 3 kg. In dem Holzblock sitzt ein Becher aus vergoldetem Silber, wobei der Metallwert sehr gering ist. Der umlaufende Kranz zeigt zeittypische Maßwerke, sogenannte Schneuße. Auf den Bändern, die den Becher im Holz halten, sitzen zwei Medaillons mit den Wappen der Patrizierfamilien Ziegler und von der Sachsen, den Eltern Otto Zieglers.
Warum ist der Rebstockpokal einzigartig?
Von den vielen hundert Pilgern ins Heilige Land im Mittelalter haben sich nur sehr wenige Souvenirs erhalten. Ein vergleichbares Objekt zum Rebstockpokal existiert weltweit nicht.
Mittelalterliche Goldschmiedearbeiten sind äußerst selten, da sie im Laufe der Zeit immer wieder eingeschmolzen wurden. Aus Erfurt ist der Rebstockpokal somit – außer den Objekten des jüdischen Schatzes in der Alten Synagoge – das einzige derartige Stück aus weltlichem bzw. privatem Kontext.
Der Rebstockpokal ist ein einzigartiges Zeugnis für den Lebensstandard und das Familienbewusstsein der Patrizierfamilien sowie für die Arbeit der vielen Goldschmiede in der mittelalterlichen Metropole.
Warum wird der Pokal in der Dauerausstellung gezeigt?
Das heutige Stadtmuseum wurde ab 1605 von einem Mitglied der Familie Ziegler errichtet. An seinem Portal findet sich daher ebenfalls das Familienwappen mit dem roten Hirschkopf. Die Dauerausstellung des Erdgeschosses behandelt die mittelalterliche Metropole Erfurt. Dabei werden auch andere Objekte zu den Patriziern gezeigt. Die Familie Ziegler war vom 13. bis zum 18. Jahrhundert eine der wohlhabendsten und bedeutendsten Familien der Stadt.