Archäologische Grabungen auf dem Rathausparkplatz beginnen im August

03.06.2026 14:52

Seit 2023 ist das Jüdisch-Mittelalterliche Erbe in Erfurt Welterbe der UNESCO. Für die Stadt ist dies große Ehre und Chance, aber auch Verpflichtung. Zu den daraus resultierenden Aufträgen zählt die Entwicklung eines Informations- und Bildungszentrums.

Wichtige Erkenntnisse zur zweiten jüdischen Gemeinde werden erwartet

zwischen dem Erfurter Rathaus, Wohnbebauung und dem Fluss Gera befindet sich ein Parkplatz
Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Für dieses Vorhaben sind archäologische Grabungen auf dem Rathausparkplatz durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie notwendig, da sich rund um den Parkplatz und seinen anliegenden Flächen von 1354 bis 1454 das Zentrum der zweiten jüdischen Gemeinde befand. Bis 1945 war der Bereich dicht bebaut, die Freifläche ist eine der letzten Kriegswunden Erfurts.

Die Grabungen werden in Abschnitten durchgeführt. Die erste Grabung beginnt am 3. August 2026 und läuft voraussichtlich bis zum 18. September 2026. In diesem Zeitraum werden 18 Stellplätze im nördlichen Bereich des Parkplatzes entfallen. Hierfür wird um Verständnis gebeten. Direkt im Anschluss wird die Fläche verschlossen und kann wieder zum Parken genutzt werden. Der nächste Grabungsabschnitt ist für 2027 vorgesehen.

„Wir laden alle Interessierten herzlich zur Grabung und den begleitenden Veranstaltungen ein. Natürlich stehen wir auch gern für Rückfragen zu den Grabungsvorhaben und dem geplanten Projektablauf zur Verfügung“, so Lars Bredemeier, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Kultur und Welterbe.

Foto: Dr. Karin Sczech zeigt einen Lageplan des Areals um 1940 Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Dr. Karin Sczech, Beauftragte für das UNESCO-Welterbe, bekräftigt: „Bei keiner Grabung im Stadtgebiet gab es so viele Vorinformationen und gleichzeitig so hohe Erwartungen. Grabungen in jüdischen Vierteln gab es bisher nur wenige und auf dem Rathausparkplatz geht es daher um wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse.“

In dem relativ kleinen Grabungsabschnitt von etwa 100 Quadratmetern sollen die bisherigen Erkenntnisse zur Siedlung der zweiten jüdischen Gemeinde Erfurts erweitert und präzisiert werden. Bereits bekannt ist, dass an dieser Stelle im Zentrum der zweiten jüdischen Gemeinde das Tanzhaus stand, in dem unter anderem Hochzeiten und andere Feste gefeiert wurden. Außerdem gab es auf dem Gelände viele weitere Wohnhäuser und den jüdischen Gemeindebrunnen. Die 1357 errichtete Synagoge der zweiten Gemeinde lag eher im Norden, etwas außerhalb des Parkplatzes – heute die Rasenfläche und städtischen Garagen an der Stadtmünze direkt gegenüber der Kleinen Synagoge.

Die bisherigen Erkenntnisse zum Areal beruhen auf historischen Schriftquellen und Fotografien sowie den Bauakten der in Folge des Zweiten Weltkriegs niedergelegten letzten Bebauung. Auch die Dokumentationen, die beim Bau des Parkplatzes angefertigt wurden, erwiesen sich als aufschlussreich. Geophysikalische Untersuchungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie zeigen zudem weitere Strukturen, die bis dato jedoch noch nicht interpretiert werden können.

Bei der kommenden Grabung geht es darum, diese Erkenntnisse zu vertiefen und zu präzisieren, Bauabfolgen herauszufinden und Erdbefunde, die nur archäologisch zu fassen sind, auszugraben und zu dokumentieren. Natürlich werden auch Funde erwartet, die es ermöglichen, vergangene Baubefunde zu datieren und nähere Erkenntnisse über das Alltagsleben in der zweiten jüdischen Gemeinde zu erlangen. „Damit erweitern wir unseren archäologischen Horizont“, bestätigt Dr. Karin Scech. „Zwar gibt es über die zweite jüdische Gemeinde schriftliche Quellen, aber keine archäologischen. Es ist wichtig, diese Geschichte weiterzuschreiben.“