Von „Brunnenvergiftern“ zu den „Globalisten“: Antijüdische Verschwörungserzählungen – vom Mittelalter bis zu ihrer Globalisierung
Podium zum Weimarer Rendez-vous 2026
Das World Wide Web und die sozialen Medien sind voll davon: Erzählungen und Bilder über eine angebliche jüdische Weltverschwörung, geheime Machenschaften von „Globalisten“ und zahlreichen anderen antisemitischen Mythen und Codes. Die meisten richten sich offen gegen jüdisches Leben, andere verschleiern dieses Ziel. Sehr viele dieser Erzählungen werden vom rechten, linken und muslimischen Antisemitismus geteilt, weltweit.
Wir schauen auf die lange Geschichte dieser Erzählungen und Bilder, die bis weit ins europäische Mittelalter hineinreicht – und auch in Erfurt ihre Spuren hinterlassen hat. Immer wieder wechselten sich Phasen relativ friedlichen Zusammenlebens von Juden und Christen mit Phasen von Verfolgung und Pogromen ab, für die oftmals Erzählungen von „Brunnenvergiftern“ und „Kindsmördern“ oder Darstellungen von „Judensäuen“ die geistige Grundlage bildeten.
Aber wie verbreiteten sich diese Motive später? Schon im 19. Jahrhundert wurde der moderne Antisemitismus mit der Expansion des „Westens“ zu einem weltweiten Phänomen. Doch gerade in der Phase der NS-Herrschaft erhielt ausgerechnet Erfurt eine unrühmliche und heute fast vergessene Rolle in diesem Prozess: Denn mit dem in Erfurt ansässigen „Weltdienst“ installierten die Nationalsozialisten hier eine global tätige Nachrichtenagentur, deren Auftrag es war, antisemitische Erzählungen und Motive in die ganze Welt zu senden.
Wurden so auch die verschiedenen, oft noch aus dem Mittelalter stammenden Codes auf diese Weise global anschlussfähig? Können sich deswegen ganz verschiedene Kulturen und Weltanschauungen heute über diese Verschwörungserzählungen in ihrer Feindschaft gegen jüdisches Leben verständigen? …bis hinein in die letzten Ecken des Internet und zahllose Social-Media-Kanäle?
Eine Podiumsdiskussion mit:
Prof. Dr. Sabine Schmolinsky ist Professorin (i.R.) für mittelalterliche Geschichte der Universität Erfurt. Sie forscht unter anderem zum jüdischen Leben in Europa und Erfurt und engagiert sich im Netzwerk Hirstoriker:innen für eine demokratische Gesellschaft (hist4dem) für eine bewusste, offene und reflektierte Erinnerungskultur.
Michael Weise ist Historiker und Leiter des Bereichs »Ausstellungen und Sammlungen« des Lutherhauses in Eisenach. Er leitet die AG Vernetzung beim Netzwerk Historiker:innen für eine demokratische Gesellschaft (hist4dem), lebt in Erfurt und hat sich u.a. der Erkundung der Geschichte des nationalsozialistischen »Weltdienstes« angenommen.
Prof. Dr. Uffa Jensen ist Historiker und stellvertretender Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) an der Technischen Universität Berlin, wo er zugleich Antisemitismus-Beauftragter ist. Er forscht unter anderem zum visuellen Antisemitismus, auch im World Wide Web.
Moderation: Dr. Andreas Braune ist wissenschaftlicher Leiter des Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte
Begrüßung: Michael Panse, Beauftragter der Landesregierung für jüdisches Leben in Thüringen und die Bekämpfung des Antisemitismus
Eine Veranstaltung im Rahmen des Festivals „Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte“.
Eintritt frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Das internationale Thüringer Festival „Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte“ findet vom 30. Oktober bis 1. November 2026 unter dem Motto „Fakt oder Fake?“ in Weimar und darüber hinaus statt. Propaganda, Aufklärung, Mythen, Geschichtsbilder – das Verhältnis von Wahrheit und Lüge prägt die Geschichte und unsere Gegenwart. Im Zeitalter von Fake News, KI und wachsendem Autoritarismus wird das Ringen um Meinungs-, Presse-, Wissenschafts- und Kunstfreiheit zum Prüfstein der Demokratie. Diskutieren Sie gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft über den Umgang mit Fakten und Fakes und den vielen Graubereichen dazwischen. Bei Vorträgen, Diskussionen, Führungen, Film, Musik u.v.m. wird Geschichte greifbar, hörbar und erlebbar! Alle Details und das vollständige Programm unter: