Was sprachen und schrieben Juden im Mittelalter? Zur Mehrsprachigkeit im Alltag.
Wissenschaftlicher Vortrag
JProf. Dr. Andreas Lehnertz, Juniorprofessor für Mittelalterliche Geschichte mit Schwerpunkt in der Jüdischen Geschichte an der Universität Trier spricht zum Thema sprachliche Synthese. Er beleuchtet die funktionale Mehrsprachigkeit mittelalterlicher jüdischer Gemeinden, das Entstehen des Jiddischen, die Verwendung hebräischer Buchstaben für das geschriebene Wort in Alltagstexten und die frühe Alphabetisierung von Kindern.
Die jüdischen Gemeinden im mittelalterlichen Europa lebten in einer ausgeprägten funktionalen Mehrsprachigkeit. Im alltäglichen Kontakt mit ihren christlichen Nachbarn sprachen sie die jeweiligen regionalen Landessprachen und Lokaldialekte (wie Deutsch, Französisch oder Italienisch), während sich für die interne Kommunikation aus romanischen Einflüssen und mittelhochdeutschen Dialekten das frühe Jiddisch (Altjiddisch) entwickelte. Diese sprachliche Synthese spiegelt sich besonders in der vielsprachigen Namensgebung sowie der Zweinamigkeit jüdischer Männer wider. Geschrieben wurde vor allem Hebräisch (und Aramäisch) als sakrale Hoch- und Kultursprache für religiöse Texte, Verträge und Rechtsurkunden. Bemerkenswerterweise verfassten die Gemeinden jedoch auch landessprachliche Texte fast ausnahmslos in hebräischen Buchstaben, während lateinische Schriftzeichen selten blieben, aber im Alltag zumindest gelesen werden konnten. Ermöglicht wurde diese hohe Schriftkompetenz durch eine frühe Alphabetisierung von Jungen und Mädchen im familiären Kreis. Diese Aspekte wird der Vortrag ansprechen und anschaulich mit Bildmaterial erläutern.
Eine Veranstaltung in Kooperation mit den Jüdisch-Israelischen Kulturtagen Thüringen im Rahmen der Ausstellung „Jiddisch/ייִדיש – Von den Anfängen bis zum Buchdruck“.
Eintritt frei. Spenden willkommen.