Einblicke in den Bücherschatz der Bibliotheca Amploniana
Öffnung verschlossener Türen
In enger Kooperation mit der Universitätsbibliothek wird hier kontinuierlich ein Blick hinter sonst verschlossene Türen gewährt. Integriert in die Dauerausstellung zur mittelalterlichen Großstadt werden fortlaufend ausgewählte Codices präsentiert. Die eigens für die wertvollen Werke konstruierte Vitrine wird viermal im Jahr mit einem neuen Buch bestückt, sodass es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Nach jeweils sechs Wochen Ausstellungsdauer wird umgeblättert.
Exemplare und Termine in 2025/2026
Derzeit wird im Stadtmuseum Erfurt die Handschrift Dep. Erf., CA 2° 296 mit Quaestionen-Kommentar des Johannes Buridan aus dem 14. Jahrhundert präsentiert.
Die aufgeschlagene Papier-Doppelseite der historischen Sammelhandschrift zeigt keinen klassischen Weihnachtsengel, sondern einen sogenannten „Cherub“. Die Gestalt mit den sechs Flügeln stammt aus dem Alten Testament. Sie hat die Aufgabe, den Garten Eden zu bewachen und beschützt den Berg Gottes. Unter anderem hat der französische Dichter und Theologe Alain de Lille (ca. 1128 bis 1202/03) über das hier illustrierte Wesen geschrieben. Die Beschriftung seiner sechs Flügel nimmt darauf Bezug und weist jedem einzelnen eine sinnbildliche Bedeutung zu – als eine Art Anleitung für Gläubige zur Selbstreflexion und Buße.
Inhaltlich kommentiert das ausliegende Werk die „Nikomachische Ethik des Aristoteles“, ein nach dessen Sohn Nikomachos benanntes Hauptwerk des antiken Philosophen, dass als praktischer Leitfaden für ein gutes, tugendhaftes und glückliches Leben (Eudaimonie) verfasst wurde.
Mehr Wissenswertes über die Cherubim und den wissenschaftlichen Inhalt der Handschrift, erfahren Interessierte vor Ort im Stadtmuseum. Umgeblättert wird am 26. Januar 2026.
Damit die Vitrine auch während der kurzen Wechselphasen der Handschriften nicht leer bleibt, wird zeitweise die offizielle Amtskette des Rektors der Medizinischen Akademie gezeigt. Ein ebenfalls sehenswertes Exponat, von interessanter Herkunft und Geschichte:
Am 7. September 1954 wurde die Medizinische Akademie Erfurt mit einem Festakt feierlich eröffnet. Ihre Gründung galt als Bewahrung und Wiederbelebung der großen akademischen und wissenschaftlichen Traditionen der alten Erfurter Universität, die am 12. November 1816 durch die Preußische Regierung geschlossen worden war. Sichtbarer Ausdruck der Besinnung auf mittelalterliche Traditionen ist die vom Rat der Stadt Erfurt zur Eröffnung gestiftete Amtskette des Rektors mit den Nachbildungen des Siegels der Medizinischen Fakultät von 1475, dem Siegel des Amplonius Rating de Berka und dem ältesten Rektoratssiegel aus der Gründungszeit der Universität.
| Präsentationszeitraum | Titel und Kurzbeschreibung | Umblättern |
| 14.01.2025 bis 03.04.2025 | UB Erfurt, Dep. Erf., CA 2° 31 Sammelhandschrift mit Werken und Kommentaren von Aristoteles |
am 24.02.2025 |
| 08.04.2025 bis 26.06.2025 | UB Erfurt, Dep. Erf., CA 4° 78 Handschrift mit Kommentaren zum Markus- und Johannesevangelium |
am 19.05.2025 |
| 01.07.2025 bis 18.09.2025 | UB Erfurt, Dep. Erf., CA 4° 173 Hippocrates, Aphorismi und andere Werke |
am 11.08.2025 |
| 23.09.2025 bis 11.12.2025 | UB Erfurt, Dep. Erf., CA 2° 27 Aristoteles, Physica und andere Werke |
am 03.11.2025 |
| Ab 16.12.2025 | UB Erfurt, Dep. Erf., CA 2° 296 Handschrift mit Quaestionen-Kommentar des Johannes Buridan |
am 26.01.2026 |
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Einblick in ein Werk der Bibliotheca Amploniana Foto: © Stadtverwaltung Erfurt
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Einblick in ein Werk der Bibliotheca Amploniana Foto: © Stadtverwaltung Erfurt
Mehr zur historischen Büchersammlung
Die kostbare Handschriftensammlung des Amplonius Rating aus Rheinberg am Niederrhein wird in der Universitätsbibliothek Erfurt sachgerecht aufbewahrt, konservatorisch betreut, erschlossen, digitalisiert und erforscht. Die Manuskripte der größten erhaltenen Bibliothek eines mittelalterlichen Gelehrten vermitteln ein lebendiges Bild des Universitätsbetriebs und der internationalen Wissensnetzwerke des Spätmittelalters.
1412 gründete Amplonius Rating de Berka das Kolleg „Zur Himmelspforte“ (Collegium Porta Coeli) zur Versorgung und Förderung von Studenten der Universität. Amplonius selbst hatte ab 1392 in Erfurt studiert, wurde hier der erste Doktor der Medizin und zweiter Rektor. 1410 besaß er mit 633 Handschriften eine für seine Zeit einmalig große Sammlung, die in ihrem Kern bis heute geschlossen erhalten ist. Seine Bücher verzeichnete er in einem Katalog, stiftete sie seinem Kolleg und verfügte, dass jeder Stipendiat nach Abschluss seines Studiums der Bibliothek mindestens ein Buch zu überlassen habe. Dadurch wuchs die amplonianische Sammlung über die Jahrhunderte an, zunächst um weitere Handschriften, nach 1450 um Inkunabeln, später um jüngere Drucke. Die Bibliotheca Amploniana ist Eigentum der Stadt Erfurt und befindet sich seit 2002 in den sachkundigen Händen der Universitätsbibliothek.